Document Type

Book Review

Publication Date

5-2012

Publication Title

German Studies Review

Volume

35

Issue

2

Abstract

Zunächst eine Begriffsklärung durch die Herausgeber: „Als Erste Briefe werden hier jene Korrespondenzen verstanden und in den Blick genommen, die ab 1945–1946 zwischen Exilanten und im nationalsozialistischen Deutschland bzw. Österreich verbliebenen Freunden oder Kollegen und Kolleginnen die Wiederaufnahme eines Gesprächs markieren“ (9). Dabei geht die Forschung diesbezüglich auf David Kettler zurück, der sich schon seit Jahren mit Grundfragen des Exils aus interdisziplinärer und interkultureller Sicht beschäftigt. Im vorliegenden Band werden die ersten Briefe von solchen schreibenden Exilanten wie Hermann Kesten, Oskar Maria Graf, Thomas Mann, Anna Seghers, Karl Otten, Friedrich Torberg, Robert Neumann, Johannes R. Becher, Annemarie Selinko, Heinrich Eduard Jacob, Oskar Jellinek oder Wilhelm Lehmann behandelt. Auf der in Österreich oder Deutschland verbliebenen Seite stehen u.a. Erich Kästner, Hugo Hartung, Walter von Molo, Gottfried Benn, Rudolf Kalmar oder Oskar Maurus Fontana. Darüber hinaus wird im Bereich der Musik die erste Kontaktaufnahme von Ernst Krenek in seine österreichische Heimat und die Korrespondenz zwischen Bruno Walter und Karl Böhm analysiert.

Die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen Exilanten und im Dritten Reich Verbliebenen wird vor allem durch die „Große Kontroverse“ zwischen Thomas Mann und Walter von Molo markiert, der zwei Aufsätze in diesem Band gewidmet sind. Besonders einleuchtend erklärt Reinhard Mehring, wie Manns Polemik der Unmöglichkeit, im Nationalsozialismus wirklich Kunst zu schaffen („Unmöglichkeitsthese“), sich aus seinem Faust-Narrativ ergab, das gewissermaßen in religiöser Überhöhung nur die Rettung von außerhalb zugestand. Doch geht es in den ersten Briefen nicht nur um das Verhältnis zwischen Macht und Kunst, denn zur Sprache kommt auch eine Vielzahl von anderen Themen: z.B. Asylfragen, Lebensunterhalt, die Einstellung zum Widerstand, Gefühle der Fremdheit, Isolation, Verwirrung, Beschämung und Bemühungen um neue künstlerische Vorhaben. Ein weiteres wesentliches Motiv ist die Rückkehrfrage. Besonders vielfältig sind diese Themen bei Friedrich Torberg und in der umfassenden Analyse von Donald Daviau nachzulesen.

Insgesamt enthält der Band fünfzehn Aufsätze, wobei hier nicht auf alle eingegangen werden kann. Erwähnt seien Birgit Maier-Katkins Ausführungen zu Anna Seghers und ihren ersten Briefen an Johannes R. Becher und Wilhelm Pieck, in denen ihre starke Heimatverbundenheit zum Ausdruck kommt. Es gab bei ihr wenig Zweifel an der Rückkehr, wobei sie sich um die Erziehung der Jugend kümmern und sich aktiv am Aufbau einer neuen Gesellschaft beteiligen wollte. Dorit Krusche dahingegen zeigt, was für Schwierigkeiten Karl Otten bei seinen Anknüpfungsversuchen hatte. Seine in Bezug auf Deutschland kritischen Manuskripte wurden abgelehnt; erst später wurde er durch Anthologieherausgaben zum Vermittler seiner expressionistischen Schriftstellerkollegen aus der Vorkriegszeit. Franz Stadler weist nach, wie stark sich Robert Neumann vor allem gegen die Integration ehemaliger faschistischer Schriftsteller in der Kulturszene Österreichs nach 1945 wandte. Evelyne Polt-Heinzl macht uns mit den Anknüpfungsbedingungen der zu Unrecht weniger bekannten Annemarie Selinko bekannt. Besonders lesenswert ist der schon angedeutete Aufsatz von Oliver Rathkolb zur Korrespondenz zwischen Bruno Walter und Karl Böhm. Jener versuchte, an die Zeit vor 1938 und an Wien als seine musikalische Heimat Anschluss zu finden. Es kam zu Gastauftritten mit den Wiener Philharmonikern, doch bewahrte er auch Distanz, indem er nie explizit nach Wien zurückkehrte. Darüber hinaus ist dieser Aufsatz in einem sehr klaren Stil geschrieben, im Vergleich etwa zu Primus-Heinz Kuchers Ausführungen „Zur Vielfalt und Spezifik Erster Briefe des österreichischen Exils,“ die an einer Überhäufung von schwer lesbaren erweiterten Adjektivkonstruktionen leidet.

Kritisch wäre noch anzumerken, dass der Einband zwar ein abstrahiertes Faksimile eines Briefes von Ernst Angel an Viktor Matjeka bringt, doch wären genau solche Faksimile-Abdrucke von anderen Briefautoren im Band selbst wünschenswert gewesen. Schließlich geht es um Briefe mit ihren handschriftlichen und typographischen Eigenheiten. Als Exilländer kommen außer den U.S.A. nur England und Mexiko vor. Es fehlt z.B. ganz Südamerika. Insofern dieser Kontinent nicht in diesem Band unterzubringen war, bleiben erste Briefe von dort oder solche Briefe aus Deutschland und Österreich dorthin ein Desiderat eines weiteren Forschungsprojekts.

In seinem einführenden Aufsatz zu „Briefkultur und Exil“ weist Johannes Evelein darauf hin, wie z.B. von Nietzsche, Adorno oder Kafka...

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Author Posting. © Johns Hopkins University Press, 2012. This article is posted here by permission of the Johns Hopkins University Press for personal use, not for redistribution. The article was published in German Studies Review, Volume 35, Issue 2, May 2012. https://muse.jhu.edu/journals/german_studies_review/v035/35.2.andress.html

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